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Interviews mit Produzenten

Stadthonig vs. Landhonig

07.08.2016

Ich wollte schon immer mal meine Neugierde bei einem Imker stillen. Besonders spannend finde ich die für mich neue Haltung von Bienen in Großstädten. Gibt es da geschmackliche Unterschiede?

In Kassel habe ich die Stadthonig und Landhonig Experten Marie Heppner & Michael Hertweck gefunden und ausgequetscht. Alles, was ich schon immer mal über Honig und Bienen wissen wollte.

 

Ihr nennt euch "Stadtimkerei Kassel". Wie seid ihr auf die Idee gekommen, gerade in einer Großstadt Bienen zu halten?

Angefangen haben wir vor 5 Jahren mit Stadt- und Landbienen nebeneinander. Wir hatten so einen direkten Vergleich. Auf unserer Streuobstwiese im Kasseler Umland hatten wir immer mal wieder Probleme mit Pestiziden aus der Landwirtschaft ringsum. Umgekehrt konnten wir feststellen, dass sich die Stadtbienen sehr gut entwickeln und auch im Sommer und Spätsommer noch ein sehr gutes Nahrungsangebot vorfinden. Dazu kamen verlockend kurze Anfahrtswege, so dass wir schließlich alle Bienen in die Stadt geholt haben. Das funktioniert in Kassel besonders gut, da es eine der Städte mit dem höchsten Anteil von Grünflächen im Stadtgebiet ist. Wir haben etliche große Parks, ein Naturschutzgebiet von 170 Hektar und unzählige Klein- und Hausgärten - kurzum: ein echtes Bienenparadies.

 

Und geschmacklich? Kann man wirklich einen Unterschied zwischen Stadthonig und Landhonig schmecken?

Unser Stadthonig ist eine Mischung aus vielen verschiedenen Blühpflanzen. So unglaublich es auch klingen mag: die Pflanzenvielfalt in der Stadt ist erheblich höher als in Gegenden in denen intensiv Landwirtschaft betrieben wird. Denn dort sind die Fluren "bereinigt", Ackerrandstreifen und Hecken, die vor einigen Jahrzehnten noch charakteristisch für unsere Kulturlandschaft waren, sind dank moderner Landwirtschaftstechnik vielerorts verschwunden. Wiesen sind überdüngt und in ihrer Pflanzenzusammensetzung verarmt - von daher ist das ursprüngliche Honigaroma im Stadthonig bewahrt. Bei Märkten oder Verkostungen habe ich immer wieder ältere Menschen am Stand, die den Honig probieren und dann feststellen: das ist ein Honig, der schmeckt wie früher! Wenn die Natur noch intakt ist, ist der Unterschied von Stadt- zu Landhonig praktisch nicht feststellbar, aber insgesamt dürfte durch die höhere Pflanzenfülle beim Stadthonig auch das Aroma stets eine Spur dichter und intensiver sein.

 

Und gibt es Unterschiede in eurer Arbeit als Stadt- und Landimker?

Alle Imker, die etwas auf sich halten, sind bemüht, ihre Bienen gut, d.h. in erster Linie gesund zu halten. Deshalb sind die Anforderungen bei der eigentlichen Arbeit an den Bienen im wesentlichen die Gleichen. Unterschiede entstehen naturgemäß im Drumherum, also bei den Anfahrtswegen und Auseinandersetzungen mit der näheren Umgebung. Der Landimker ist um ein gutes Verhältnis zu den Landwirten in seiner Umgebung bemüht, der Stadtimker ist immer mal wieder gefordert, Ängste und Besorgnisse von Nachbarn zu beschwichtigen.

 

Wie viele Bienen benötigt man, um ein Glas Honig zu "ernten". Spricht man dabei überhaupt von einer "Ernte"?

Das hängt in erster Linie vom Trachtangebot und der Stärke des Bienenvolks ab. Bei einer Massentracht wie Raps oder Akazie kommen an einem Tag etliche Liter Nektar zusammen aus denen die Bienen dann den Honig machen. Je stärker das Volk ist, desto mehr Sammlerinnen kann es aussenden. Bei einem starken Volk im Höhepunkt der Saison können das bis zu 25.000 sein - weitere 25.000 machen derweil Innendienst (also Brutpflege, Honigverarbeitung, etc.). Und ja, wenn der Honig reif, sprich verdeckelt, ist, wird er geerntet. Wir machen das zweimal im Jahr und gewinnen so Frühlings- und Sommerhonig.

 

Jede Biene hat also ihre Aufgabe. Was machen eure Bienen denn eigentlich im Winter?

Unsere Bienenkästen stehen das ganze Jahr am gleichen Platz im Freien. Sie werden also nicht ins Haus oder einen Stall geholt, wie viele Leute irrtümlich meinen. Das Leben der Bienen spielt sich im Winter im Inneren ihrer Behausung ab. Sie sitzen in dichter Traube auf den Waben und zehren von den Honigvorräten, die sie den Sommer über gesammelt haben (wir Imker nehmen ja nur die Überschüsse an Honig weg). Dabei erzeugen sie durch Muskelkontraktionen Wärme, wodurch sie es schaffen, unabhängig von der Außentemperatur, 25 Grad aufrecht zu erhalten - das ist ihr Energiesparmodus. Im Frühling und Sommer, wenn sie die Brut pflegen sind es etwa 35 Grad. Und sobald sich die Außentemperatur auf ungefähr 8 Grad zubewegt, machen sie ihre Reinigungsflüge, also ausgedehnte "Toilettengänge".

 

Das ist ja wirklich eine Wissenschaft für sich. Wie viele Bienen habt ihr denn und wie zählt man diese überhaupt alle?

Wir zählen nicht die einzelnen Bienen, sondern die Bienenvölker, die praktischerweise in individuellen Behausungen untergebracht sind. Wir haben derzeit 25 Völker, die im Höhepunkt ihrer Entwicklung 50 - 60.000 Individuen umfassen können.

 

Bei so vielen Bienen, gibt es da nicht auch Streit und Machtkämpfe zwischen oder sogar innerhalb der Völker?

Innerhalb der einzelnen Völker herrscht in der Regel große Harmonie, die von der Königin hormonell reguliert wird. Bei Stressfaktoren wie Nahrungsmangel, Krankheit oder Verlust der Königin kann es zu großer Unruhe bis hin zum "Bürgerkrieg" kommen. Das ist aber eher die Ausnahme. Anders sieht es aus, wenn die Kundschafter in Zeiten der Nahrungsknappheit in der Nähe ein schwaches Volk ausfindig machen - da wird das schwache Volk vom Stärkeren gnadenlos ausgeräubert.

 

Oha. Kann eigentlich jeder Imker werden, oder gibt es dafür eine anerkannte Ausbildung?

Es kann sich jeder ohne irgendeinen Nachweis von Sachkunde Bienen halten - das kann für den Menschen ein Weg zu einem sinnhaften und erfüllten Hobby sein - für die Bienen mitunter der Beginn einer langen Leidensgeschichte. Wer sich für Bienen interessiert, sollte sich ausgiebig theoretisch vorbilden und einem Verein beitreten, in dem sich vielleicht ein Imkerpate findet, der einem als Neuling in der ersten Zeit begleitet. Es gibt auch einen regelrechten Ausbildungsgang, der nennt sich "Tierwirt, Fachrichtung Imkerei". In Deutschland absolvieren jedes Jahr zwischen 20 und 30 Leuten diese Ausbildung. Marie Heppner hat diese Ausbildung im Jahr 2015 als Jahrgangsbeste absolviert.

 

Toll, herzlichen Glückwunsch! Und jetzt mal ganz praktisch gefragt: Wie lange hält sich ein frisch abgefülltes Glas Honig und wie lagert man es am besten? Im Kühlschrank?

Honig ist das einzige Lebensmittel, das nicht verdirbt. Bei sachgerechter Lagerung (kühl, trocken, dunkel - also eher Speisekammer als Kühlschrank) ist Honig praktisch unbegrenzt haltbar. Honig ist eine übersättigte Lösung, die von Natur aus Antioxidantien enthält und Bakterien oder Schimmelsporen keinen Nährboden liefert. Aus lebensmittelrechtlichen Gründen müssen die Imker dennoch ein MHD (Mindesthaltbarkeitsdatum) angeben - in der Regel 1-2 Jahre ab Abfüllung. Wenn der Honig nicht luftdicht abgeschlossen ist und aus der Umgebung Feuchtigkeit ziehen kann, fängt er an zu gären - es entsteht Met, ist also immer noch genießbar.

 

Und sagt mal, wie oft wurdet ihr schon von euren Bienen gestochen und vor allem, wie wird man eigentlich angstfrei?

Stiche sind trotz größter Sorgfalt und routinierter Handlungsweise fast nicht vermeidbar - gezählt haben wir sie noch nicht. Im Laufe der Zeit entwickelt sich eine enge Partnerschaft zwischen dem Superorganismus Biene und den Imkern, die von menschlicher Seite von Zuneigung und Respekt geprägt sein sollte. Man lernt ihre Reaktionen zu deuten und geht behutsam darauf ein. Für den Anfänger ist natürlich ein umfassender Schutz hilfreich (Bluse, Schleier, Handschuhe).

 

Ich habe gehört, dass man sogar die Bienenwaben essen kann? Stimmt das und woraus bestehen sie genau?

Naturreines Wachs, wie es aus dem Bienenstock kommt, kann man bedenkenlos verzehren - bei größeren Mengen wirkt es wohl leicht abführend. Wachs ist ein Werkstoff, der von den Bienen selbst produziert wird. Ein fantastischer Werkstoff, der bei geringem Gewicht und maximaler Flexibilität ein erstaunliches Maß an Stabilität bietet. Die Waben gelten nicht umsonst als das Skelett des Superorganismus. Es ist ein Gemisch von chemischen Verbindungen der Fettreihe, darüberhinaus enthält es Stoffe, die noch nicht vollständig analysiert sind.

 

Dann muss ich das unbedingt mal probieren. Und dann habe ich gesehen, dass ihr neuerdings Honig mit Bier gemischt habt. Was genau ist dabei herausgekommen?

Durch die Kooperation mit einem Brauer haben wir ein unfassbar leckeres und süffiges Bier entwickelt, das in seiner Art einzigartig ist. Der Honig wird dabei nicht etwa nur eingerührt - das Bier ist regelrecht um unseren besonderen Honig herum entwickelt worden. Man muss es probiert haben! Es ist ein Bier, das ein ganz dickes Extra an Aromen mitbringt - mithin eher einem komplexen Rotwein vergleichbar. Unsere Vorfahren haben dem Bier Honig früher als Konservierungsmittel beigegeben. Sie haben sich die oben beschriebenen Eigenschaften zunutze gemacht, um es haltbarer zu machen. Erst im Mittelalter ist der Honig durch den preiswerteren Hopfen ersetzt worden - und hat dabei die Fülle an Aromen eingebüßt, die wir ihm wiedergegeben haben.

 



Stadtimkerei Kassel, Schwanenweg 19 A, 34123 Kassel, stadtimkerei-kassel.de

Felix Kosel



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