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Interviews mit Produzenten

Nackter Wein aus verbotenen Früchten

23.02.2017

Das liebe ich an meiner Arbeit. Man recherchiert nach Manufakturen und Lebensmittel-Handwerkern und entdeckt immer wieder wahre Perlen. Schätze! So auch diesmal, als ich mich in Freiburg und Umgebung umgesehen habe. Da kommt mir ein Winzer daher, der eine so interessante Geschichte zu erzählen hat, dass ich (als nicht wirklich ein großer Wein-Kenner) total begeistert bin und mich auf einmal für Weinanbau interessiere.

Heiko von der Weinerei Feser liebt die Einsamkeit. Unglaublich aber wahr, macht er auf seinem Weingut alles allein. Per Hand. Maschinen sind ihm zu laut. Mitarbeiter ihm definitiv zu viele Menschen. Er setzt auf Leidenschaft und Muskelkraft. Doch damit nicht genug. Statt die üblichen Rebsorten anzubauen, widmet er sich verbotenen Früchten. Was genau dahinter steckt? Ich habe ihn gefragt.

 

Du nennst deinen Betrieb Weinerei Feser. Das Wort Weinerei hatte ich vorher noch nie gehört. Gibt es das wirklich?

Nein, das ist eine reine Wortspielerei, mehr nicht.

 

Aber eine gute! Wein wird ja sehr viel in Deutschland angebaut. Du aber hast dir etwas Eigenes auf die Fahne geschrieben. Was genau?

Nun, etwas Eigenes ist zu hoch gegriffen, es ist eher eine Nische, die ich zu 100 % ausfülle, weil mir alles andere keinen Spaß machen würde. Wen interessiert es schon, ob ich den tausendsten Spätburgunder hier in Baden anbaue? Also mich am allerwenigsten, deshalb habe ich gleich zu Anfang auf pilzwiderstandsfähige Rebsorten gesetzt. Das Besondere daran ist, dass die Rebsorten Kreuzungen aus amerikanischen oder asiatischen Wildarten mit unseren gängigen Sorten sind (sogenannte PIWI-Sorten - pilzwiderstandsfähige Sorten). Deshalb wird mir das Vergnügen der Weinbergsarbeit auch nicht durch den Einsatz fragwürdiger Pflanzenschutzmittel verdorben. Herbizide, Kunstdünger oder andere chemisch-synthetischen Mittel benutze ich sowieso nicht. Trotzdem bin ich von keinem Verband wie Ecovin, Bioland etc. zertifiziert. Für solch einen kleinen Betrieb wie mich ist das zu viel Büroarbeit und sind zu hohe Kosten. Doch zurück zu den Weinen.

Trotz der sensorischen Qualitäten dieser badisch-untypischen Weine und der Tatsache, nahezu ohne Pflanzenschutz auszukommen, waren bzw. sind diese Rebsorten aufgrund unerschöpflicher Kleingeisterei nicht immer für den freien Anbau zugelassen. Kurzum: ich nenne sie "Nackte Weine aus verbotenen Früchten". Zudem ist der Anbau dieser Sorten mit Spannung verbunden, weil es für mich immer noch eine große Spielwiese ist, auf der ich mich austoben kann. Ich kann also bei der ein oder anderen PIWI-Sorte noch Geschmäcker rauskitzeln, die es sonst so noch nirgends gibt.

Das andere was ich mir nicht unbedingt auf die Fahne geschrieben habe, ich es aber nicht anders kann und will, ist, dass ich als Einmannbetrieb ausschließlich mit Muskelkraft arbeite.

 

Allein mit Muskelkraft? Aber du hast doch sicher auch Maschinen, die auf deinem Weingut zum Einsatz kommen, oder?

Ich besitze keinen Schlepper mit Anbaugeräten. Meine Handgeräte sind Hacke, Spaten und Machete sowie - früher noch mehr als jetzt - die Sense. Vor Jahren habe ich mir mal eine Motorsense gekauft, aber die steht meistens nur noch in der Ecke, weil es einfach lärmt und stinkt und überhaupt meistens nicht funktioniert. Eine Hacke funktioniert immer. Allerdings ist deshalb auch meine Produktion gedeckelt, weil ich einfach nicht mehr schaffe. Noch schlimmer als technische Hilfsmittel wären für mich Mitarbeiter, mit denen man sich unterhalten muss und die mir meine wunderbare Ruhe und Einsamkeit im Berg stören. Natürlich könnte ich manchmal meine konventionellen Kollegen insofern beneiden, als dass sie, was ich gerade mal in zwei Wochen hacken schaffe, mit Herbiziden in drei Stunden erledigen. Und was ich in den letzten Jahren halt auch feststelle ist ganz einfach, dass es jedes Jahr anstrengender wird. Die Knochen knacken immer mehr. Der Teufel soll mich holen, wenn ich in meinem Leben noch eine Rebe pflanze, mir reicht mein jetziger Bestand vollauf.

 

Wow, das nenne ich mal eine konsequente Einstellung. Aber zurück zu den Rebsorten. Wie bist du darauf gekommen, solche Arten zu kreuzen?

Ich kreuze diese Sorten nicht selbst, sondern sie werden von Züchtern wie z.B. dem Freiburger Weinbauinstitut gekreuzt, die international auf diesem Gebiet der Kreuzungszüchtung einen sehr guten Ruf erworben haben. Zudem pflanze ich auch gerne Sorten eines Schweizer Privatzüchters an. Die schon mit amerikanischen Wurzeln veredelten Sorten kaufe ich pflanzgerecht beim Züchter oder den Rebveredlern. Darauf gekommen bin ich durch das große Glück, in einem Biobetrieb zu lernen, der schon sehr früh Versuche mit Piwi-Sorten angestellt hat. Dabei hatte ich immer das Gefühl etwas Eigenständiges zu verfolgen, zu einer verschworenen Gruppe von Unangepassten zu gehören. Ein ganz praktischer Grund war aber auch, dass das Anrühren und Ausbringen von Pflanzenschutzmitteln mich rasend macht.

 

Aber wenn die Sorten teilweise verboten sind, wie kannst du sie dann trotzdem anbauen und verkaufen?

Manche Sorten sind mittlerweile freigegeben. Gerade die staatlichen Institute haben natürlich ein großes Interesse daran, dass ihre Sorten sobald als möglich von uns Winzern gepflanzt werden. Wenn sich nämlich solch eine Sorte durchsetzt, ist das für den Züchter eine große finanzielle Bereicherung. Generell muss ich aber für eine Sorte, die noch nicht klassifiziert ist, Genehmigungen beim Regierungspräsidium beantragen und mit dem Züchter einen Vertrag eingehen. Manche werden mit Auflagen genehmigt, manche nicht. In naher Zukunft, so habe ich gehört, soll´s etwas lockerer gehandhabt werden, was ich für durchaus sinnvoll halte. Denn wenn ich eine Rebsorte pflanze die nicht schmeckt oder mit der ich nicht zurechtkomme, ist es doch mein Problem. Die Arbeit und die Kosten setze nur ich in den Sand, sonst niemand. So gab schon viele Sorten, die ich nach einigen Jahren wieder rausgerissen habe. Wie auch immer: offiziell kann ich meine Sorten anbieten und vermarkten. Meist halt nur als "Deutscher Wein", auch wenn sie alle Kriterien für die obersten Prädikatsweinstufen erfüllen.

 

Muss man eigentlich ein Weinkenner und Fachmann sein, um deine Weine gebührend zu würdigen?

Es gab, oder vielleicht gibt es ihn noch, den Weinpabst, der nach 50-jähriger Beschäftigung mit Weinen gesagt hat, dass man alle Weine in Rot, Weiß, schmeckt und schmeckt nicht unterscheiden kann. Das ist wahrhaft Weise. Es gibt allerdings auch solche Weine, in die man sich eintrinken muss. Das heißt, die einen anfangs noch etwas verwirren, bis man sich nach einigen getrunken Flaschen darin baden könnte.

 

Die Regel "je älter der Wein, desto besser" stimmt ja nicht immer. Woran erkenne ich, ob ich eine Flasche länger lagern kann oder lieber demnächst genießen sollte?

Wie lange ein Wein es Wert ist reifen zu lassen oder nicht oder wann er am besten schmeckt, hängt von vielen Faktoren ab: dem Jahrgang, die Rebsorte (je mehr Phenole und Taninne desto länger könnte er gelagert werden, Cabernet oder Nebbiolos brauchen im allgemeinen längere Reifung als z.B. der Spätburgunder), die Vinifizierung (Verarbeitung der Trauben sowie die Lagerung z.B. in Holzfässern), die Flaschenlagerung (aufbewahrt in der warmen Küche hält der Wein nicht so lange als im dunklen, kühlen Keller), der Gehalt an zugegebener schwefliger Säure (mein Bohemien 2016 ist z.B. ohne jegliche SO2, d.h. schwefliger Säure in die Flache gefüllt. Insofern ist er sehr anfällig für Oxidation, was nach einigen Stunden geöffnet einen Sherryton nach sich zieht. Wenn die Flasche geöffnet wird sollte sie dann also am selben Abend noch getrunken werden. Auch in der Flasche ist er dann nicht so lange alterungsfähig als geschwefelte Weine), von der Dichtigkeit des Verschlusses (z.B. Korkqualität, Schraubverschluss), der Flaschengröße, dem ph-Wert (je höher desto schneller sollte er getrunken sein), dem Alkoholgehalt usw. Die Frage ist also nicht so einfach zu beantworten und es ist wie immer auch eine Frage der Erfahrung. Bei einem jungen Wein sein Alterungspotential zu erfassen, verlangt eben viel Erfahrung und Kenntnis über den jeweiligen Wein. Zu Verwunderung meiner Gäste schmecken mir z.B. meine weißen Barriqueweine nach fünf bis acht Jahren am besten, weil ich genau weiß, welches Potential sie dann entwickelt haben. Doch im allgemeinen lässt sich sagen, dass die Masse aller heute auf den Markt geworfenen Weine innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre getrunken sein sollten. Klar ist auch, lieber einen Wein zu früh als zu spät zu trinken!

 

Ohje, so viele Punkte und Möglichkeiten. Manchmal wünsche ich mir zu einem Weinkauf einen kleinen Beipackzettel, auf dem genau so etwas, oder die Geschichte des Weines, aber auch Vorschläge zur Verwendung stehen. Zu was der Wein passt, wie lange er atmen oder welche Temperatur er haben sollte. Warum gibt es sowas nicht?

Häufig finden sich ja solche Kurzratgeber auf dem Etikett. Andererseits wäre für eine aussagekräftige Charakterisierung der Beipackzettel größer als die Flasche. Ich frage mich auch, ob das immer Sinn machen würde. Der eine trinkt einen Wein lieber undekantiert, der andere lässt ihn lieber lange Zeit atmen. Der eine mag ihn je nach Jahreszeit kälter oder wärmer (wenn sich die Aromen voll im Glas entwickeln sollen, darf ein Wein nie zu kalt serviert werden; für meine weißen Barriqueweine halte ich es ja fast schon für ein Verbrechen, sie zu kalt zu servieren), der andere mag ihn lieber zu asiatischen Gerichten und der Dritte meint, er müsste ihn jahrelang im Keller aufbewahren.

Der Wein verändert sich ja auch in der Flasche. Was also heute gilt, kann "morgen" wieder völlig anders sein. Ich hatte mal einen tollen Sommelier, der grandiose, seriöse Beschreibungen für meine Weine angestellt hat. Darin waren Farbe, Geruch, Charaktereigenschaften und Empfehlungen zu Speisen akribisch aufgelistet. Nun, zum einen stellten sich mir einige Weine anders dar und zum anderen waren die ganzen Beschreibungen nach einem Jahr Flaschenreifung hinfällig. Als Weintrinker sollte man schon soviel Ehrgeiz aufbringen, seinen Lieblingswein selbst erkunden zu wollen. Es gibt unbefriedigendere und langweiligere Tätigkeiten.



Weinerei Dr. Feser, Heuweilerweg 11, 79194 Wildtal, weinerei-feser.de

Felix Kosel



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Heiko Feser hat uns 3 seiner Weine zum Verlosen geschickt (bereits abgelaufen). Und um nicht so ganz ohne jegliche Informationen da zu stehen, hat er netter Weise ein paar Worte jeweils mitgegeben.

 

Gallo allegro 2015

Der Rosé ist ein kraftvoller, mediterraner-provenzialischer Typ, v.a. aus Cabernet-Sorten gekeltert. Kein Wein, den man nun unbedingt stundenlang im Glas schwenken muss, um darüber seine Eloquenz zur Schau stellen zu müssen. Nein, eher einer, mit dem man viel Spaß haben sollte und der einen in die richtige Stimmung für weitere Abenteuer versetzt. Früher hieß er bei mir jahrelang "Leichtsinn", was es sehr gut trifft. Nur hat mir eine Winzervereinigung aus dem Rheinhessischen diesen Namen verboten zu benutzen, weil sie den Namen für ihren Secco haben schützen lassen!

 

Orakel 2015

Der weiße "Orakel" ist einer meiner Favoriten. Die Rebsorte Solaris wurde im Freiburger Weinbauinstitut gezüchtet und war anfangs eigentlich für die nordischen Anbauländer gedacht, weil sie sehr früh reift. Bei uns könnte man den ersten Süßen daraus machen, was ich jedoch für völlig verfehlt halte, weil die Rebsorte solch ein unglaubliches Potential hat, dass man daraus eben, wie in diesem 2015er, eine 14,5 Vol. %ige Wucht keltern kann, der ein Jahr in speziellen Sauterne-Barriques reift und deshalb dieses für mich so fantastische Aroma besitzt. Das Problem ist beim Anbau, dass wenn alles andere noch grün und unreif ist, sich alle Vögel, Wespen, Bienen und überhaupt alles was kreucht und fleucht auf diese süßaromatische Rebsorte stürzt. Nun, die wissen halt auch was gut ist. Übrigens bitte den Orakel nicht zu kalt trinken, da sonst zu viel von den kräftigen Aromen verloren gehen. Bei der richtigen Temperatur, kühl aber nicht kalt, öffnet er sich und gibt alles frei.

 

Mata Hari 2015

Den Mata Hari habe ich erst vor wenigen Wochen abgefüllt, nach eineinhalb Jahren Reifung im Barrique. Es ist eine Schweizer Caberent-Züchtung, wie der Solaris beim Orakel zu 100 % resistent, d.h. dass er ohne jegliche Pflanzenschutzmittel über die Runden kommt. Und dass in einem Jahr wie 2016 will schon was heißen. Für mich ein wunderbar kräftiger und mit viel Röstaromen versehenes, tiefdunkles Etwas, das schon in der Nase Lust auf mehr macht.

Mehr zur Weinerei Dr. Feser auch in unseren Tipps für Freiburg.

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