Menü

Startseite

Kategorien

Termine

Aktionen

Blog

Über uns

Manufaktur vorschlagen

Sonstiges

Zuckerfrei leben? Ich?? Jetzt???

21.12.2016

Jaja, das liebe Thema Zucker. Und gerade jetzt. Doch ist Zucker wirklich so schlimm? Es gibt doch auch so viele verschiedene Arten von Zucker. Machen sie alle süchtig? Dürfen wir jetzt gar keinen Zucker mehr essen? Hilfe! Das wäre für mich undenkbar. Ich liebe Schokolade, Kuchen, Süßigkeiten... Den Tee trinke ich auch ohne Zucker. Aber im Kaffee ist er ein Muss.

Ich habe mich mit Stephanie Sissmann unterhalten. Sie betreibt den Blog Kohlenpottgourmet und lebt tatsächlich zuckerfrei. Also fast. Sie verzichtet auf Haushaltszucker und berichtet darüber.

 

Wie kommt man überhaupt auf die Idee, zuckerfrei leben zu wollen? Ich kann mir das gar nicht vorstellen...

Ich würde sagen, bei mir war es ein Prozess. Seit jeher habe ich alles Süße geliebt und hätte mir niemals vorstellen können, auf Schokolade, Weingummis und Torten zu verzichten. Das hat man dann auch an der Figur gesehen. Mit einer ordentlichen Portion Selbstbeherrschung habe ich 13 Kilo abgenommen. Es gab viele Aufs und Abs. Und dann kam die große Herausforderung, das Gewicht zu halten. Gerne wollte ich mir etwas gönnen, denn verzichtet hatte ich lange genug. Aber wenn ich das tat, nahm ich direkt wieder zu. Das war alles sehr frustrierend.

Ich habe mich wieder auf fettarme Produkte beschränkt und wenn der Hunger zwischendurch kam, gab es große Mengen an Obst. Leider merkte ich relativ schnell, dass ich ständig Heisshungerattacken hatte und immer nur ans Essen dachte. Und wenn ich z.B. Schokolade aß, reichte nicht ein Stück, sondern es musste oft die ganze Tafel sein. Im Nachhinein habe ich mich immer sehr über mich und meine Inkonsequenz geärgert. Mit Wohlfühlen und Genuss am Essen hatte das alles nichts zu tun. Das Essen bestimmte über mein Leben und nicht andersherum.

So wollte ich nicht weitermachen, wusste aber partout nicht, was ich wie ändern konnte. Bis zu dem Tag, als mir eine Freundin das Buch "Goodbye Zucker" von Sarah Wilson empfahl. Ich habe es mir gekauft , die ersten Seiten gelesen und dachte, die gute Frau schreibt von mir.

Ich habe mich in jedem Satz wiedererkannt und kurzer Hand beschlossen, ihren Vorschlag "wir machen mal acht Wochen zuckerfrei" anzunehmen. Was hatte ich zu verlieren? Nichts! Und ich bin auch nicht mit dem Gefühl, "ich esse jetzt wochenlang keinen Zucker" an das Ganze heran gegangen, sondern eher nach dem Motto "ich schau mal von Tag zu Tag - aufhören kann ich ja immer noch". Über die Jahre war ich viel zu skeptisch geworden.

Fett sollte ich auf einmal essen! Sprich: Nüsse, Avocados, vollfetten Käse... Hallo??? Das waren genau die Dinge, die ich jahrelang gemieden hatte, wie der Teufel das Weihwasser. Angeblich würde gutes Fett satt und zufrieden machen (ja klar - und dick!). Aber egal. Ich bin gestartet. Misstrauisch durch und durch, aber dennoch sehr neugierig. Und heute kann ich sagen: es war eine super Entscheidung. Ich war seit langer Zeit tatsächlich mal wieder zufrieden, satt und hatte keine Heisshungerattacken mehr.

 

Es hat also angefangen mit Fett statt Zucker? Aber Zucker ist doch überall enthalten, oder?

Ich habe komplett den Zucker weggelassen, ja. Ebenso Obst und auch süßes Gemüse wie Tomaten, Möhren und Zwiebeln. In den ersten Tagen hatte ich leichte Entzugserscheinungen wie Kopfschmerzen und teilweise habe ich schlecht geschlafen. Das ging aber alles schnell wieder weg. Übrigens ebenso wie ein sehr hartnäckiger Hefekleiepilz (auch pityriasis versicolor genannt, eine die Haut betreffende Pilzerkrankung), den ich vorher partout nicht losgeworden bin. Aber das ist eine andere Geschichte.

Nach den insgesamt acht Wochen hatten sich meine Geschmacksnerven umgewöhnt und mir ging es so gut (auch während dieser acht Wochen), dass es für mich gar keine Frage mehr war: ich wollte genau so weiter machen und mich weiterhin genau so gut fühlen!

 

Unvorstellbar. Für mich jedenfalls. Was ist denn eigentlich Zucker?

Zucker besteht zur Hälfte aus Glukose (Traubenzucker) und Fruktose (Fruchtzucker) und wird aus Zuckerrohr und Zuckerrüben hergestellt, deren Nährstoffe entfernt wurden. Er enthält somit "leere" Kalorien.

 

Kalorien, okay. Keine Überraschung. Aber warum ist Industriezucker angeblich so ungesund? Er soll ja sogar süchtig machen...

Jetzt wird es etwas wissenschaftlich. Also während Glukose sich in fast jedem Nahrungsmittel befindet (Brot, Getreide, Reis, Nudeln, Obst, Gemüse) und eine wichtige Energiequelle für unseren Körper darstellt (unser Körper wandelt die Lebensmittel in Glukose also Energie um), ist Fruktose in der Natur eher selten zu finden. Sie steckt vor allem in Baumobst, Honig und Weintrauben. Unser Körper hat im Lauf der Evolution gelernt, mit Glukose klar zukommen. Die Riesenmengen Fruktose die wir zu uns nehmen (in 80 % der verarbeiteten Lebensmitteln ist Fruktose enthalten), sind allerdings ein Problem.

Essen wir Zucker (also eine Kombi aus Glukose und Fruktose), sorgt das Hormon Insulin dafür, dass die Glukose, die ja schnell und ungefiltert in unserem Blutkreislauf wandert, in Muskeln, Organe und Fettzellen transportiert wird, um Energie zu gewinnen. Oder es wandelt sie in Glykogen um, auf dass der Körper als Ersatz zugreifen kann. Fruktose dagegen wird in der Leber zu Fett abgebaut. Und ein Großteil des auf die Weise entstandenen Fettes gelangt zurück in den Blutkreislauf. Es erhöht so die Blutfett- und Cholesterinwerte und wird in den Fettdepots eingelagert.

Studien haben bestätigt, dass sich eine erhöhte Fruktoseaufnahme ungünstig auf den Stoffwechsel auswirkt und die Entwicklung von Übergewicht und Fettleibigkeit sowie Fettstoffwechselstörungen und Diabetes begünstigt. Außerdem steigert die erhöhte Zufuhr von Fruktose das Risiko für Bluthochdruck.

 

Also macht Zucker dick und erhöht die Cholesterinwerte?

Fruktose führt zudem zu einem geringeren Sättigungsgefühl. Normalerweise ist das Hormon Leptin dafür verantwortlich dem Gehirn zu vermitteln, ob die Fettdepots ausreichend gefüllt sind. Leptin wird in den Fettzellen gebildet. Sind ausreichende Fettreserven vorhanden, hemmt Leptin das Hungergefühl. Ein übermäßiger Fruktosekonsum führt allerdings zu einer Leptinresistenz. Das bedeutet, dass die Signalübertragung des Sättigungsgefühls nicht mehr funktioniert und das Sättigungsgefühl ausbleibt.

Fruktose schadet also in dreierlei Hinsicht: sie wird direkt in Fett umgewandelt und in den Fettdepots gespeichert, sie verhindert die Fettverbrennung bei gleichzeitig vermehrtem Fettaufbau und blockiert das Sättigungsgefühl.

 

Und was ist mit der Suchtgefahr?

Von Sucht möchten die Wissenschaftler nicht reden - eher von suchtähnlichem Verhalten. Zucker aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn. Der süße Stoff bewirkt, dass bestimmte Botenstoffe freigesetzt werden, die für Wohlbefinden sorgen. Ein Gefühl, was wir immer wieder haben möchten. Dazu kommt, dass wir von unseren Vorfahren das Wissen übernommen haben, süße Lebensmittel sind ungiftig und geben Energie. Von daher sehen wir süße Lebensmittel als etwas Gutes an.

Aber ganz ohne Süße schmeckt es doch gar nicht. Gibt es denn Alternativen zu Haushaltszucker? 

Stimmt. Backen z.B. ohne irgendwelche Süßungsmittel ist nicht wirklich ein Geschmackserlebnis. Ich habe einiges an Alternativen ausprobiert und bin beim Kokosblütenzucker, Ahornsirup und Reissirup hängen geblieben. Diese drei nutze ich am meisten. Bei Stevia z.B. mag ich den lakritzartigen Eigengeschmack nicht, beim Sucolin stört mich der kühlende Effekt. Viele nehmen auch Dattelmus zum Backen, welches sie sich selber zubereiten - aber da muss man Datteln mögen und überall passt es nicht.

Tatsache ist, dass jedes Süßungsmittel sparsam verwendet werden sollte. Wenn ich backe, ersetze ich nicht den Zucker 1:1 durch Kokosblütenzucker. Ich nehme viel weniger, was meinen "umgepolten" Geschmacksnerven aber ausreicht.

 

Aber meine Geschmacksnerven müssten ja erstmal umgepolt werden. Ich habe mich tatsächlich schon durch einige Zucker durchprobiert, finde geschmacklich aber keine Alternative zu Industriezucker. Außer Rohrzucker, wenn das eine Alternative darstellt.

Das wäre mir vor meiner zuckerfreien Zeit genauso gegangen. Ich kann dir nur raten, deine Geschmacksnerven einmal komplett "auf Null" zu setzen - also wirklich mal auf alles Süße, Zucker und Obst zu verzichten und von vorne zu beginnen. Du wirst sehen, wie dein Geschmack sich verändert. Wenn dir das zu viel ist, dann fang doch einfach mal so an, dass du deinen Zuckerkonsum reduzierst und erst einmal auch keine zuckerhaltigen Getränke mehr zu dir nimmst. Ich lese aber immer wieder, dass so eine Reduzierung bei den meisten nicht langanhaltend ist. Viele schreiben, sie sind rückfällig geworden und haben anstatt des einen Kekses, den sie sich einfach mal wieder gönnen wollten, direkt die ganze Packung inhaliert. Ich selber war ja auch so. Bei mir half nur der komplette Verzicht und Neustart.

 

Da müsste ich eine riesige Hürde überwinden. Ich mache sogar beim Kochen etwas Zucker in herzhaftes Essen. So wie man Salz im Kuchen verwendet. Fehlt dir da nicht eine Geschmackskomponente?

Nein. Das liegt aber einfach daran, dass der Geschmack sich geändert hat. Und eine Tatsache ist auch, dass bei vielen Dingen, die wir eigentlich nicht mögen, wir sie nur öfter probieren müssen, bis wir uns an den Geschmack gewöhnen. Teste das mal - das funktioniert.

 

Aber wie ist es für dich Weihnachten? Überall gibt?s Schokolade und Zucker, Zucker, Zucker. Bekommst du nicht manchmal Sehnsucht und würdest am liebsten mal in eine Praline beißen?

Ich verzichte ja nicht, sondern backe meine eigenen Plätzchen und Kuchen, die durch die reduzierte Süße und den Einsatz von Dinkel- anstatt Weizenmehl dann um einiges mehr an Geschmack haben. Letztens bekam ich von einer Kundin eine Praline, habe die natürlich auch probiert und wieder einmal festgestellt, dass sie einfach nur süß schmeckte. Die industriellen Süßigkeiten reizen mich absolut nicht mehr.

 

Und wie klappt das mit deinem Umfeld? Bringst du zum Treffen mit Freunden deinen eigenen Kuchen mit? Und vor allem, wie geht dein Partner damit um?

Mein Mann ist der Beste überhaupt! Er war Gott sei Dank nie so ein richtiger Süßschnabel. Als ich ankam und sagte, ich mach jetzt mal acht Wochen in zuckerfrei, hat er zwar skeptisch geschaut (was kommt da jetzt wieder auf mich zu), aber er war sofort dabei. Und er hat ja dann gesehen, dass es weiterhin genug zu essen gab (vor allem auch weiter Fleisch). Sogar er hat im Laufe der Zeit gesagt, dass sein Geschmack sich noch einmal verändert hat. Ihm brauche ich heute nicht mit "normalen" Keksen anzukommen. Die findet er viel zu süß.

Ansonsten gibt es im Umfeld Leute, die das absolut verstehen und sich darauf einstellen. Und auch andere, die das komplett übertrieben finden und mich fragen, wann ich denn endlich wieder "normal" essen darf. Wichtig ist, dass die engsten Familienangehörigen mit machen - ansonsten wird es schwierig.

Ich würde nie zu einer Einladung mein eigenes Essen mitbringen. Es sei denn, ich werde gebeten, doch mal wieder "diesen leckeren Salat" oder den "einen Kuchen da vom letzten Mal" beizusteuern. Ich esse ansonsten, was da ist und am nächsten Tag mache ich mit meiner Ernährung weiter. Fertig.

 

Also da bist du dann aber schon sehr diszipliniert. Hut ab! Ich würde die Gunst der Stunde wahrscheinlich komplett ausnutzen. Und sag mal, was sind für dich die größten Veränderungen, wenn du dein jetziges Leben und das frühere "Zuckerleben" vergleichst?

Ich bin viel entspannter im Supermarkt. Ich war ein totaler Junkie, wenn es um Neuerungen im Süßigkeitenregal ging. Ich habe immer alles Neue probieren müssen. Die Zeit, die ich dadurch eingespart habe, musste ich anfangs allerdings darin investieren, die Etiketten der Lebensmittel zu studieren: wo ist wie viel Zucker drin?

Und ich fühle mich besser und habe wesentlich mehr Energie. Das Nachmittagstief, in dem ich am liebsten mal ein Nickerchen eingelegt habe, gibt es nicht mehr. Das Essen, bzw. der Drang danach bestimmt nicht mehr über mein Leben sondern umgekehrt. Das ist ein ganz tolles Gefühl und sehr befreiend.

 

Rätst du generell dazu, Zucker zu vermeiden oder was ist dein Tipp an die Welt da draußen? Oder an uns Zuckeresser?

Jeder sollte sich so ernähren, dass er sich damit wohl fühlt. Nur so ist garantiert, dass man dabei bleibt und es dauerhaft umsetzen kann und mag. Ich habe zig Jahre nach der richtigen Ernährungsform für mich gesucht und dann war es einfach nur der Zucker, den ich weglassen musste, um mich endlich wohl zu fühlen.

Zucker komplett zu vermeiden, ist unmöglich. So vielen Lebensmitteln ist er zugesetzt und damit wir ihn nicht sofort erkennen, heißt er mal Dextrose, dann Maltose usw. Sogar in deftigen Sachen wie Saucenbinder, Wurst oder z.B. einer Dose Kidneybohnen ist er enthalten.

Ich kann nur jedem empfehlen, der unzufrieden mit seiner Ernährung ist, der ständig ans Essen denkt, Heisshungerattacken bekommt und sich nach dem Essen schlapp und müde fühlt, es einfach mal ohne Zucker zu probieren. Und keine Angst - es ist zwar am Anfang etwas umständlich, weil man sehr genau die Lebensmittel checken muss, aber man bekommt schnell ein gutes Gefühl, was man essen kann und was nicht (ganz zu schweigen von dem guten Gefühl, was sich bei einem selbst einstellt).

Wem das alles zu aufwendig und zu kompliziert ist, dem kann ich nur empfehlen, sich einmal genau anzusehen, was man so einkauft und wo vor allem bei Fertigprodukten überall Zucker enthalten ist. Das ist Wahnsinn!! Meine Faustregel ist, dass ich nur Sachen kaufe, die auf 100 Gramm maximal 6 Gramm Zucker enthalten. Am besten ist es eh, frisch zu kochen - da weiß man genau was drin ist. Und es ist absolut nicht kompliziert, z.B. seinen eigenen Ketchup herzustellen, der ja gekauft auch Unmengen an Zucker enthält.

 

Vielleicht sollte ich mal einen Selbsttest versuchen. Aber definitiv nicht vor Weihnachten. Ich kann ja mal klein anfangen, verrätst du mir ein zuckerfreies Backrezept für eine süße Leckerei?

Ich liebe alles mit Hefeteig - er ist so wunderbar vielseitig. Super lecker mit Nüssen oder (selbstgemachtem) Vanillepudding. Wie wäre es mit einem slowenischem Hefekuchen mit Nussfüllung (Potica)? Das Rezept und mehr dazu gibt es auf meinem Blog.

 

PS: Was isst du eigentlich am Abend als Snack? Das wäre für mich wohl die größte Umstellung, auf meine Süßigkeiten zu verzichtet.

Natürlich nur Rohkoststreifen. Nein, kleiner Scherz. Es kommt ganz drauf an: gerne mal Gemüsechips, dann gibt es mal etwas Obst, ein Glas Wein oder ein paar Nüsse. Ader auch einfach gar nichts. Und wenn Schokolade, dann selbstgemachte oder eine ganz dunkle mit mind. 85 % Schokoladenanteil. Da konntest du mich früher mit jagen, heute mag ich sie total gerne!

Stephanie Sissmann, Zuckerfrei leben: kohlenpottgourmet.de

Manufakturen, die Zuckeralternativen herstellen, findest du übrigens hier.

Felix Kosel / Titelfoto: 123rf.com



Zuckerarten aus der Lebensmittel-Kennzeichnungsverordnung:

  • Zucker oder Weißzucker
  • Halbweißzucker
  • raffinierter Zucker, raffinierter Weißzucker oder Raffinade
  • Flüssigzucker (wässrige Lösung von Saccharose)
  • Invertflüssigzucker
  • Invertzuckersirup
  • Glukosesirup
  • getrockneter Glukosesirup
  • Traubenzucker (Glucose, Dextrose)
  • Fruktose
 

Alternative Süßungsmittel zum Haushaltszucker

  • Honig
  • Agavendicksaft
  • Ahornsirup
  • Dattelsirup
  • Reissirup
  • Gerstenmalzsirup
  • Kokosblütenzucker
  • Kokosblütennektar
  • Stevia
  • Erythritol (durch Fermentation hergestellt)
  • Xylit / Birkenzucker

Diesen Beitrag teilen